zum Monatsende (MizuMo)

16/11 consciousness

schwarz-black

Gestern saß ich an einem Text über Alex Katz. Und bei den Recherchen bin ich auf seine einfache Beschreibung gestoßen, dass es ihm bei seinen Werken um Bewusstheit geht.

It’s when you get in the immediate present and you gain total consciousness. That’s what it’s about. Total consciousness—you’re just totally awake, everything’s open. You go through most of your life semi-conscious, really. Every so often something wakes you up. You get it in music a lot – in great music you get total consciousness, you’re just really alive. What I’m trying to do is capture that idea.

Ich habe mich schon oft gefragt, warum diese Momente so selten sind. Wo dieser Zustand, in dem plötzlich viele Fäden zusammenlaufen und sich Synapsen verbinden, doch so fruchtbar ist. Ob andere Menschen viel öfter auf eine solche Art wach sind. Bestimmt.

Und heute sehe ich im Kino einen Film von Nick Cave, und er sitzt unter einem Porträt von sich von Alex Katz, und redet von consciousness. Dass es das ist, was uns vom Universum, von den Bäumen und Sternen unterscheidet. Und wahrscheinlich meinte er damit auch seinen toten Sohn. Es gäbe viel zu sagen zu diesem wunderschönen Film, aber letztendlich vielleicht auch genauso wenig, wie Nick Cave über den Unglückstod seines Sohnes zu sprechen vermag.

I didn’t happen to us
it happend to him.

Trotzdem findet er solche Worte, auch wenn er ihnen selbst nicht traut.

Schräg vor mir saß der Einstürzende-Neubauten-Drummer, und ich habe mich gefragt, was für einen Film er gerade sieht. Wie spannend oder langweilig es für ihn sein mag, Nick Cave & The Bad Seeds bei den Aufnahmen ihrer Songs zuzusehen.

Ich war vor ein paar Monaten auf einem Neubauten-Konzert. Mit einer Freundin von mir, die rechts von mir im Kino saß. Und noch einen Platz weiter rechts saß ihre Mutter. Sie kennt mich, seit ich 13 bin, wir hatten uns vor acht Jahren das letzte Mal gesehen. Warum macht er das, Nick Cave, so einen Film? Weil er alles versucht, um mit seiner Trauer fertig zu werden, meinte sie. Weil es ihm auch einfach egal ist, meinte meine Freundin.

Das war ein consciousness-Abend. Einer, wo auch ein paar Fäden zusammengelaufen sind. Die gar nicht zusammengehören müssen, aber für mich in dem Moment so etwas wie Sinn ergeben haben. Und weil da Menschen gemacht haben, was sie tun müssen, und sich keinen Millimeter wegbewegt haben von dieser Notwendigkeit.

Ich glaube, in solchen Momenten erlebe ich so etwas wie consciousness. Wenn ich Menschen sehe, zuhöre, die etwas tun, sagen, was notwendig ist. Oder wenn ich etwas sehe, höre, was Menschen aus einer Notwendigkeit heraus getan haben. Das ist dann vielleicht Kunst. Und das ist dann auch Schönheit, oder genauer: schön.

Ein schöner Film war das. Und auch das Album ist schön. Ich glaube, da hat sich keiner belogen. Da war keine Eitelkeit. Und vielleicht meinte Nick Cave genau das, als er so etwas sagte wie: dass selbst in der tiefsten Dunkelheit ein Stück Paradies zu finden ist.

Ich glaube, ich habe einmal gelogen in diesen paar Zeilen. „Bestimmt.“ Wahrscheinlich aus Eitelkeit. cwu

06/11  So war’s

Mach’ das Licht aus, Ajani, go! Ajani war da. Der “My brother from another mother”-Keyboarder, Kiffer aus Jamaika, von “Deutscher mit Migrationshintergrund”-Bushido im „It’s good to be the king“-T-Shirt liebevoll aufgefordert, in die Tasten zu hauen, und liebevoll rassistisch beschimpft.
Es gab einen Song für die „Liebst Du mich auch, wenn mich keiner mehr kennt“-Freundin, denn Gangbang war gestern. Kleiner Auftritt für den „Ab heute bin ich schwul“-Tourmanager, weil Bushido das sagt. „Die schweren Jungs“-Kumpels lachten dazu, machten sich breit auf der „Rosa Bändchen“-Empore und fühlten sich am Platz.
Mach’ das Licht aus, Ajani, go! Und: Wo sind die Hände, Berlin? Lauter! Wo sind die Hände, Berlin? Im Zweifel an den Kartoffeln von Bushido. Die fette Kartoffel war mal angespannt, doch jetzt ist der Junge so lieb. Die „Mitmach’’“-Mama ist auch da, klar. Der „Rote Lederjacke mit Babypopobrust“- Kay One ist Freestyle-Gott und alle feat. Karel mit „Für immer jung“.
Mach’ das Licht aus, Ajani, go! Nach Hause jetzt. Und einer von den „Fußvolk vor Bühne“-Opfern mit schmalen Schultern resümierte dann: Für umme war’s okay. cwu

03/11  Nein Danke

Gefahrentransport ins Endlager der Geschichte. Und in Zukunft nur noch Sonnenstrahlen.
Kerngesund? Krebs für alle? Spalter, Du. Größenwahn und Mord auf Raten! Fehlerfrei gibt’s schließlich nicht. Wir sind laut, hörst Du, weil man uns die Zukunft klaut. Auch wir hätten gerne Kinder. Die Welt ist was Gemachtes. Mach’! Meistens viel zuviel Ärger und viel zu wenig Wut. Wutbürger. Immerhin. Mutti lügt. Also mit Mappus nach Fukushima. Das sind immer die anderen. Sind das immer die anderen? Grün-Rot. Angela Merkel, Atomferkel. Empörung. Fukushima ist überall und Brüderle for President. Kernkraft ins Technikmuseum. Echt jetzt! Die Hiroshimastraße bleibt rechts liegen. Auch das RestrisikX bleibt. Buh. Dann eben selber machen. Ich bin ja dagegen. Atomkraft weg, macht nur Dreck. Lieber Sahnetorte als Atomtransporte. Knut hätte es auch gewollt: A-a-tom go home, AKW ade. cwu

02/11  Schokolade fürs Volk

Die Farbe meiner Revolution ist schokobraun. Wie ein süßes Versprechen, ein Drogenersatz, genauso anregend und aufhellend wie Theobromin, Phenylethylamin oder Tryptophan. B wie Braun, wie BESTÄTIGUNG. Ganz sanft und weich kommt das B daher. Bbb rezitierte schon Raoul Hausmann verlockend und fast kindlich naiv. Doch die Lautfolge st lässt vermuten, dass es hier nicht nur ums Wohlbefinden geht.
s (-chweig) und t (-anz, am besten nach meiner Pfeife), verstecken sich perfide mitten im Wort. Wenn das Ich Über Dir findet, was Du machst, ist richtig und gut, dann gibt es BESTÄTIGUNG. Das ist gesellig, fühlt sich gut an und euphorisiert. Nur dabei übersiehst Du das wenn. s(-chweig)t sagen die Konsonanten. Hallo?!, sage ich, ich plane eine Revolution!
Wer auf das Schulterklopfen, auf die Hymnen und das gutheißende Lächeln der wenn-Fraktion pocht, der liegt in Ketten. Der bestimmt nicht das Maß. Doch wer kann sich freimachen vom Lob? Wer genösse nicht den Applaus? Sich allein vom Tun und nicht vom Ergebnis leiten zu lassen, das ist der nächste Schritt. Bis dahin gibt es meine süße Ersatzdroge frei Haus, und die heißt ebenfalls: BESTÄTIGUNG – aber ohne wenn. Und hätte ich die Macht und die Ressourcen, so gäbe ich Euch nicht nur das große B, sondern auch das große G(eld).
Toll! Wunderbar! Wunderschön! Lecker! Grandios! Lasst uns gemeinsam die schokobraune Revolution einläuten, verschenken wir BESTÄTIGUNG OHNE WENN. Freiheit! cwu

01/11  Der Saisonarbeiter von einst

Die letzten Tage im Januar, und noch immer sitzt er da. Rote Mütze und weißer Bart. Einen Meter groß, in einen Sessel geknautscht. Unübersehbar vor dem Café. Die Zeit ist nicht spurlos an ihm vorbei gegangen. Mittlerweile ist ja fast immer Saison. Ein Kumpel von ihm wurde ein paar Straßen weiter im Schaufenster vergessen. Er liegt auf dem Bauch, wie lange wohl schon, wie lange wohl noch.
Einen Shop gibt es in Bremen, hieß es, der verkauft Weihnachtskram das ganze Jahr. Vor den übrigen Restposten hat mich keiner gewarnt. Die Vögel zwitschern in den Bäumen bei fünf Grad plus. Auf den gleichen Ästen erstrahlt am Abend bläuliches Licht aus den Leuchtdioden – wäre das wenigstens gelblich und warm. Einige Tannen habe ich auf den Gehsteigen schon liegen gesehen. Und die übrigen? Entsorgt durch die Hintertür? Stünden sie weiterhin rieselnd in Wohnzimmern, es passte ins Bild.
Ich kenne eine Familie, da gab es den gleichen Schokoladenweihnachtsmann, Jahr für Jahr. Je eine Woche im Dezember schmückte er den bunten Teller, bevor er unverzehrt wieder in den Keller wanderte. Denn dort hatte er es trocken und kühl. Und hätte ein unwissender Gast des Hauses ihn nicht irgendwann zu Nachtisch verarbeitet, er könnte immer noch als leuchtendes Beispiel für das perfekte Timing gelten. Ein Saisonarbeiter mit etwas aus der Mode geratenem Stil, der jedoch schon damals eine rote Mütze trug und einen weißen vollen Bart. cwu



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